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Im Westernhobby stellt sich für die Verfechter des absolut Authentischen immer die Frage: Gab es das Material schon? Wie wurde es verarbeitet? Wie sah es aus? Daß ein Kleid im Stil von 1780 keinen Reißverschluß haben kann, ist klar. Daß ein Hemd von 1830 nicht aus Nylon sein kann, leuchtet auch noch jedem ein. Aber was ist mit der Verarbeitung? Muss das Teil, um absolut authentisch zu sein, von Hand genäht werden? Oder gab es schon eine Nähmaschine? Und wenn es sie gab – wie sah sie aus? Der folgende Text soll helfen, diese Fragen zu beantworten.
Die frühe Entwicklung der Nähmaschine in den USA von Sabine Hackländer Bevor es Nähmaschinen gab, nähte der Mensch mit Nadel und Faden und mit der eigenen Hand. Unsere steinzeitlichen Vorfahren bohrten mit einer Ahle Löcher in das zu nähende Material und fädelten dann den Faden durch diese Löcher - eine recht grobe Art des Nähens. Erst die Erfindung der Nähnadel mit Öhr brachte die Möglichkeit, feine und feinste Arbeiten auszuführen. Man denke nur an die voluminösen Kleider des 18. und 19. Jahrhunderts mit ihren endlosen Nähten und Säumen, die alle von Hand Stich für Stich gearbeitet werden mussten. Schon im 18. Jahrhundert begannen Überlegungen, wie man Näharbeiten mechanisieren könnte. Das erste
Patent auf diesem Gebiet ging am 17.07.1790 an Thomas Saint in
England. Sein Patent beinhaltete die Beschreibung von drei
verschiedenen Maschinen „zur Herstellung und Fertigung von
Schuhen
Stiefeln … u. a. Artikeln,“ die zweite war eine
Maschine zum
„steppen, sticken oder nähen.“ Sie war
nicht sehr praktisch,
aber mit für heutige Maschinen üblichen Teilen
ausgestattet:
horizontaler Nähtisch, überhängender Arm mit
gerade Nadel und
Garnvorrat auf einer Spule. Der Antrieb erfolgte über eine
Handkurbel. 1874 versuchte Newton Wilson in London, diese Maschine zu
bauen, musste sie aber erst modifizieren, ehe sie überhaupt
nähte. Saint selbst scheint nie ein funktionierendes Modell
seiner Maschine
gebaut zu haben. Am 14.02.1804
wurde ein französisches Patent für Thomas Stone und
James Henderson
erteilt. Ihre Nähmaschine wurde zwar gebaut, war kommerziell
aber
nicht erfolgreich. Von da an folgten immer neue Patente und Versuche,
das Nähen zu mechanisieren. Am 30.05.1804 erhielt John Duncan
aus
Glasgow ein britisches Patent für eine Maschine für
Tambourstickerei. Edward Walter Chapman und William Chapmann
ließen
am 30.10.1807 eine Maschinennähnadel mit Öhr an der
Spitze
patentieren. 1810 patentierte Balthasar Krems aus Deutschland seine
vermutlich schon um 1800 erfundene Maschine. Sie wurde bis 1813
gebaut, dem Jahr, in dem Krems starb. Der
Österreicher Josef Madersperger erhielt gleich zwei Patente:
1814
für eine Maschine für gerade und gekrümmte
Nähte und 1816 für
eine Maschine, die Bogenkanten, Ovale und Winkel in verschiedenen
Graden sticken konnte. 1818/19 erfand John Knowles in Monkton in den
USA eine Maschine, die einen dem Handstich ähnlichen
Rückstich
nähte. Am 10.03.1826 wurde Henry Lye ein Patent für
eine
Ledernähmaschine erteilt.
Zwischen 1832
und 1834 erfand Walter Hunt in den USA eine
Steppstich-Nähmaschine,
die er aber nicht patentieren ließ. Er bewies, dass diese
Nähmaschine tatsächlich arbeitete und verkaufte dann
seine Rechte
für wenig Geld an George A. Arrowsmith. Diese Maschine wurde
erst in
den 1850ern von I. M. Singer gebaut. 1839 erfand Josef Madersperger eine Steppmaschine mit mehreren Nadeln, die aber kein Erfolg war. Madersperger starb 1850 im Armenhaus. Am 4.5.1841 patentierten Edwar Newton und Thomas Archbold eine Maschine für Tambourstickerei auf Handschuhrücken. Am 21.02.1842 erhielt John J. Greenough das früheste amerikanische Patent für eine Nähmaschine, die aber nur gerade Nähte machte. Diese Maschine ist vermutlich kommerziell gebaut worden. Sie bestand aus einer Nähnadel mit einem Öhr in der Mitte, die abwechselnd von oben und unten durch den Stoff geschoben wurde, gehalten von zwei Klammern, die sich wechselseitig öffneten und schlossen. Das zweite amerikanische Patent dieser Art wurde am 04.03.1843 Benjamin W. Beau erteilt für eine Tischnähmaschine mit zwei Schraubzwingen zur Befestigung an der Tischplatte. Im gleichen Jahr im Dezember erhielt George H. Corliss das dritte amerikanische Patent für eine Nähmaschine. Er war eigentlich Dampfmaschinenbauer und hatte einen Laden in Greenwich/N.Y. Er erfand eine Maschine zum Nähen von Schuhen ähnlich der von Greenough, aber mit zwei Nadeln. Zwei Ahlen perforierten das Leder, bevor die Nadel in Aktion traten. Die Maschine machte 20 Stiche in der Minute. Geldmangel zwang Corliss, die weitere Entwicklung der Maschine aufzugeben. In späteren Jahren war er aber maßgeblich an der Verbesserung und Weiterentwicklung der Dampfmaschine beteiligt.
Er verkaufte
die britischen Rechte für seine Erfindung in England
für 250 Pfund
an William Thomas, einen Herstelle von Schirmen und Korsetts und
kehrte 1849 ohne Geld in die USA zurück. Dort waren andere
Erfinder
inzwischen nicht untätig gewesen. Am 28.11.1848 hatte John A.
Bradshaw das sechste amerikanische Patent für eine
Verbesserung der
Howe-Maschine erhalten. 1849 meldeten Charles Morey und Joseph B.
Johnson eine Verbesserung des Bradshaw-Patents an, die noch vor
Erteilung des Patents kommerziell verwertet wurde. Sie nähte
ca. 91
cm in der Minute und kostete 135 Dollar. Jotham C.
Conant erhielt am 08.05.1849 ein amerikanisches Patent für
Verbesserungen bisheriger Maschinen. Auch hier fand keine
kommerzielle Verwertung statt. Am selben Tag erhielt John Bachelder
das amerikanische Patent für eine Verbesserung der
Morey-Johnson-Maschine. Er verkaufte sein Patent Mitte der 1850er an
I. M. Singer. Am 02.10.1849
war die Nähmaschine von Sherburne C. Blodgett patentiert
worden,
finanziert von John A. Lerow. Sie war eine Rundschiffchenmaschine und
hieß „Rotary Sewing Machine.“ Sie
besaß bereits eine
automatische Fadenspannung und gewann 1850 eine Silbermedaille auf
der sechsten Ausstellung der Massachussetts Charitable Mechanics
Association. Doch die Maschine hatte einige eklatante Fehler: die
Arbeit war schlecht zu überwachen, und durch das Rotieren des
Schiffchens verzwirnte sich das Garn und brach dauernd. I.M. Singer
hat diese Maschine später verbessert. Ebenfalls 1850
auf der o. g. Ausstellung erhielt die Maschine von Allen b. Wilson
eine Bronzemedaille. Er war wohl der originellste der
Nähmaschinenerfinder und bei weitem der genialste. Er baute
seine
erste Maschine 1847, die zweite mit Flachschiffchen 1848. Diese
Maschine hatte einen automatischen Stofftransport und ein
Nähfüßchen
zum Niederhalten des zu nähenden Stoffes. Seine
Geschäftspartner
Kline und Lee, die ihn bei der Patentierung der nächsten
Maschine
finanziell unterstützt hatten, kauften 1850 Wilsons Rechte
für 2000
Dollar und vermarkteten die Maschine. Sie kostete 35,49 Dollar. Die bis zu
diesem Zeitpunkt hergestellten Maschinen waren für den
industriellen
Gebrauch gedacht, zu Massenanfertigung von Kleidung und Schuhen. Sie
brauchten für das Bewegen, Anhalten und Zurücklaufen
bei jedem
Stich viel Kraft und waren sehr laut. Mit all dem räumte
Wilsons
Maschine auf. 1853 gründete er mit seinen Partner die Wheeler
&
Wilson Manufacturing Company. Im Dezember 1854 erhielt er das Patent
für Stofftransport in vier Schritten, wie er noch heute bei
Nähmaschinen üblich ist. Die Nachfrage nach leichten, leichtgängigen und leiseren Maschinen für das Nähen zu Hause wuchs, und Wheeler & Wilson begannen damit, ihr nachzukommen. Andere Hersteller folgten dem neuen Trend bald.
Singer führte seine Maschine vor Kirchen- und sozialen Gruppen vor, sogar im Zirkus. Er entwickelte einen Holzkaste für ihren Transport, der gleichzeitig als Ständer für die Maschine diente, mit einen Pedal für den Antrieb. Dadurch bekam man beide Hände frei für den Umgang mit dem Stoff. Singer führte auch das Schwungrad ein und später den Eisenständer mit einem Pedal für beide Füße.
Die erste
leichte Familiennähmaschine von Singer wurde 1858 produziert,
doch
erwies sie sich als allzu leicht und klein. Sie bekam den Spitznahmen
Grashüpfer, obwohl sie offiziell „Family Sewing
Machine“ hieß.
Wegen ihrer Form nannte die Singer Company sie in ihrer
Broschüre
von 1920
„Schildkrötenrückenmaschine.“ Die Kosten für
Nähmaschinen waren im Vergleich zum durchschnittlichen
Familieneinkommen recht hoch. Singers Geschäftspartner Clark
entwickelte aus diesem Grund ein Ratenzahlungssystem, etwas, was es
bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben hatte. Singer und Clark
waren bis 1863 Geschäftspartner. Dann zog Singer sich aus dem
aktiven Geschäftsleben zurück, erhielt 40% der Aktien
und ging nach
Paris und später nach England, wo er 1875 starb. 1849 hatte der
Bostoner Schneider William O. Grover begonnen, eine Maschine zu
entwickeln, die Ober- und Unterfaden von Garnrollen nahm, so dass ein
Umspulen entfiel. Er und sein Partner William E. Baker bekamen am
11.12.1852 das Patent für Grovers Erfindung, eine Maschine mit
zwei
Nadeln und zwei Garnrollen. Sie gründeten die
„Grover & Baker
Sewing Machine Company“ und nahmen 2 neue Partner auf: Jacob
Weatherill, einen Mechaniker und Orlando B. Potter, einen Anwalt, der
Präsident der Gesellschaft wurde. Am 27.05.1856 ließ
Grover die
erste tragbare Nähmaschine patentieren, eine Box, die
geöffnet als
Maschinentisch diente und das Reinigen und Ölen der Maschine
ermöglichte, ohne sie daraus entfernen zu müssen. Mitte der
1850er standen alle Elemente einer erfolgreichen und praktischen
Nähmaschine zur Verfügung, doch der Kampf und Patente
und Lizenzen
ruinierte die neue Industrie fast völlig. Daher schlug O. B.
Potter
1856 vor, eine „Combination“ zu gründen,
einen Pool von
Nähmaschinenherstellern mit Elias Howe, Wheeler, Wilson
& Co,
I.M. Singer & Co und Grover & Baker. Diese Organisation
nannte sich „Sewing Machine Trust“ oder
„Sewing Machine
Combination“ und war der erste Trust der amerikanischen
Geschichte.
Darin enthalten waren Patente aller o. g. Beteiligten. Grover &
Baker steuerten verschiedene relativ wichtige Patente bei, aber ihr
wichtigster Beitrag war die grundsätzliche Idee von Potter.Der
Pool
vergab Lizenzen, und die Mitglieder stellten selbst weiterhin
Nähmaschinen her und verkauften sie. Howe blieb Mitglied bis
1867,
als seine Patente nicht mehr verlängert wurden. Er starb im
gleichen
Jahr. Die anderen waren Mitglieder des Trusts bis 1877. zu diesem
Zeitpunkt wurden prinzipielle Teile der Nähmaschine nicht mehr
von
jemandem kontrolliert, der Markt öffnete sich, die Preise
fielen,
neue Firmen entstanden, manche allerdings nur für kurze Zeit.
Die Willcox & Gibbs Sewing Machine Company existiert bis in unsere Tage. Doch von den vielen Erfindern und Herstellern der 1850er und 1860er verschwanden die meisten wieder in der Versenkung. Sie waren verantwortlich für die Entwicklung teilweise recht eigenartiger Nähmaschinen. So patentierte Robertson 1857 die Cherub Sewing Machine, bei der zwei Engel aus Messing die Haupthalterung für Spule und Antriebskurbel bildeten. Die Dolphin Sewing Machine, die zwei Jahre früher patentieren ließ, bestand aus einem künstlerisch im Stil der Zeit gestalteten Delphin, der Kurbel und Spule hielt.
Bibliografie: Grace Rogers Cooper: The Invention of the Sewing Machine. Washington 1968 Rosamund C. Cook: Sewing Machines. Peoria,Ill 1922 Waldemar Kaempfert: A popular history of american invention; Vol 2,1924: darin: John Walker Harrington: Making Clothes by Machines C. B. Kilgare: Sewing Machines. Philadelphia 1892 Annual Report of the Smithsonian Institution (1929), Washington 1930 S. 559-583: darin: Frederick L. Lewtin: The servant in the house – a brief history of the sewing machine Sewing Machine Advande, Chicago, Vols 1-35, Nr. 5, Mai 1879-1913 Sewing Machine Journal, September 1879 – Dezember 1884 Sewing Machine News, New York, Vols 1-6, 1877-1879 Sewing Machine Times, New York, Vols 1-9, 1882-1890 New York Tribune, 23. Mai 1862: Story of Sewing Machine Patents The Galady, Vol 4, August 1867: Who invented the Sewing Machine? Den obigen Text gibt es als pdf-Datei hier zum Download (570 KB).
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